Schreibkommune

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Monat: Juni 2018

Roman-Werkstatt (4): Spannung

Luft! Ich nahm einen tiefen Atemzug und schlug die Augen auf. Dunkelheit. Ich lag im Finsteren. Wie konnte das sein? Ich wollte die Arme ausstrecken, kam aber nicht sehr weit. Vorsichtig tastete ich um mich herum und kam zu dem Schluss, dass ich mich in etwas länglichem, eckigem befand. Wie kam ich hier nur raus? Lauthals rief ich um Hilfe und klopfte an die hölzernen Wände. Stille. Verzweifelt fing ich an, zu kratzen. Da bewegte sich plötzlich der Deckel über mir und ein Lichtstrahl fiel herein. Nachdem er den Sarg vollständig geöffnet hatte, fragte Armand: “Warum bist denn du nackt?”

War das spannend genug, dass ihr weiterlesen wolltet? Oder hatte ich euch bereits noch von den vorangegangenen Artikeln dieser Reihe an der Angel? Vielleicht habe ich den falschen Titel gewählt und bereits damit viele Leser verloren.

Roman-Werkstatt (4): Spannung oder Wie die Nackte aus dem Sarg steigt und ob es zwischen Ulf und Uschi knallt

Wäre dieser Titel besser gewesen? Denn bereits dieser ist entscheidend für das Interesse des Lesers, das gilt für Zeitungsartikel ebenso wie für Blogartikel und natürlich auch für Romane. Und da spielt auch der persönliche Geschmack eine Rolle. Zum Titel habe ich zwei Leute gefragt, die beide unterschiedlicher Meinung waren, welcher der bessere sei. Ich interessiere mich nicht für Fantasy, also kaufe ich solche Bücher nicht. Ebenso mag ich nichts über Weihnachten oder Ostern lesen. Andere interessieren sich aber gerade für sowas.

In meinem Textbeispiel oben erfährt man erst im letzten Satz, dass die Figur sich in einem Sarg befindet. Anfangs weiß man nur, dass es dunkel ist und muss rätseln. Dadurch wird der Leser immer wieder aufs Neue auf die Folter gespannt, immer ist irgendwas noch offen, es kann gerätselt werden. Das ist die Kunst des Suspense – immer wieder kleine Häppchen zu geben. Wenn ich eine Frage beantworte, muss ich im Grunde schon wieder eine neue aufgeworfen haben.

“Was?!” Hastig bedeckte ich meine Brüste und den Schritt. “Das war mir noch gar nicht aufgefallen, ich hatte echt andere Probleme.”

Armand grinste und ließ seine Eckzähne blitzen.

Was haben wir hier? Nein, keinen Vampir! Wir haben bisher einen Sarg und einen Mann mit Eckzähnen. Aufpassen, Freunde. Das sind nur Andeutungen. Wir wissen ja nichtmal, wo der Sarg steht. Das kann in einer Gruft sein, aber auch im Bestattungsinstitut. Diese offenen Fragen erzeugen Spannung. Ich denke auch, ich konnte eure Neugier wecken, Armand näher kennenlernen zu wollen. Über den Ort wissen wir immer noch nichts und auch der Sarg ist bisher nicht wirklich interessant. Aber auch auf die könnte man neugierig werden, wenn man es richtig stellt.

Wenn man das mit dem Hinhalten auf die Spitze treibt und alles ultralangsam erzählt, spricht man von Herauszögern.

Er reichte mir die Hand und ich kletterte aus dem Sarg.

Das geht viel langsamer:

Ich wollte aus diesem Sarg. Ob ich das heile schaffen würde? Vorsichtig setzte ich mich auf, nicht ohne dabei meine Brüste zu verdecken. Armand reichte mir seine Hand. Wie sollte ich denn nun … ? Eine Hand vor der Brust, eine an der Scham, eine dritte hatte ich nicht, um seine zu ergreifen. Ich fröstelte, zog die Schultern zusammen und sah ihn hilfesuchend an.

“Ach, Mensch, Maria, nun stell Dich nicht so an.”

Ich gab mir einen Ruck und gab meine Deckung auf. Sein starker Arm fühlte sich warm und sicher an. Ein Blick auf den Fußboden zeigte mir, dass es ganz schön hoch war. Das schaffte ich doch nie im Leben!

Armand drückte meine Hand. “Maria.”

Auf alle Viere gedreht, streckte ich ein Bein nach draußen und vorsichtig tastete ich mit den Zehenspitzen auf dem Fußboden.

Ähm, ihr merkt, worauf das hinausläuft. 😀 Selbst beim Schreiben denke ich mir ‘Na nu mach schon endlich hinne!’ Man kann mit dem Erzähltempo ganz schön spielen. Übrigens auch mit dem Lesetempo. Wenn die Zeilen nur so flitzen und ganz kurz sind, dann ist das meistens auch eine hochspannende Stelle. Ich bin eben übrigens auch Umwege gegangen, da es eigentlich ums Rausklettern ging, dann genierte sie sich und das hat ebenfalls die Handlung verzögert. Von der Frage, ob sie es wohl heile schaffen wird, bin ich abgeschweift und noch ist sie nicht beantwortet.

Wie schreibt man eigentlich langweilig? Habt ihr das schonmal ausprobiert?

Ulf rasierte sich.

Aha. *gähn. Den Typen kenn ich nicht. Und was er macht ist stinklangweilig, total alltäglich.

Ulf rasierte sich mit den stumpfen Klingen.

Da fragt man sich doch gleich warum. Hat er nicht genug Geld für neue Klingen? Oder ist er zu faul, sie zu wechseln? Keine Zeit zu Einkaufen gehabt? Steht er auf den Schmerz, braucht er den vielleicht zum Wachwerden?

Wie wär es mit einer Überraschung?

Ulf rasierte sich, als plötzlich die mit den Kosmetika seiner Frau überladene Ablage unter dem Spiegel herunterkrachte und das Waschbecken zertrümmerte.

Oder etwas Ungewöhnliches statt Alltägliches, mal sehen. Wie wärs damit?

Ulf wollte sich rasieren. Also hielt er sein Gesicht an die vorgesehene Stelle vor dem Spiegel und drückte den entsprechenden Knopf. Die beiden gelben Schaumhände erschienen und verrichteten dezent ihre Arbeit. Nachdem der Schaum aufgetragen war, betätigte er den Schalter für die Rasur. Ulf hat sich also, streng genommen, rasieren lassen.

Konflikte sind das Salz in der Suppe, egal ob innere oder äußere. Konflikte bringen die Figuren dazu, zu handeln. Friede, Freude, Eierkuchen möchte niemand lesen, es sei denn zwischendurch, zur Erholung mal von den ganzen hektischen spannenden Szenen. Oder aber, um die Vertrautheit zweier Figuren spürbar zu machen.

Kein Konflikt (sie kuscheln und herzen sich natürlich):

“Ulf, mein Traumprinz.” – “Uschi, meine Prinzessin.” – “Wollen wir uns heute zusammen das Fußballspiel ansehen?” – “Oh und danach den Liebesfilm!” – “Tolle Idee, Ulfibulfi.” – “Ich liebe dich so sehr, Uschimuschi!”

Äußerer Konflikt:

“Natürlich machst du das, Ulf! Du bist der Mann, du bist dafür zuständig.”- “Nein, Uschi, das sehe ich überhaupt nicht ein! Nur weil ich der Mann bin, soll ich das Waschbecken wechseln, dass du mit deinem Zeugs geschrottet hast. Das ist total sexistisch!

Innerer Konflikt:

Ulf rasierte sich. Dies konnte er tun, weil wieder er nachgegeben hatte. Er fragte sich wirklich, ob er mit Uschi weiterhin zusammenleben konnte. Sie erwartete, dass er sich wie ihre proletenhaften Fußballfreunde verhalten sollte, aber das war einfach nicht seine Welt. Er seufzte. Bier trinken war nie seins gewesen – er musste immer so schnell Pipi – und Fußball war ihm schon in der Schule viel zu grob gewesen. Er wollte sich nicht verbiegen, aber er wollte Uschi auch nicht verlieren. Die Uschi, die sie auch sein konnte. Die liebevolle, zärtliche. Die ihm zuhörte. Für die er sich schon lange verbogen hatte.

Nach Konflikten dürfen die Gefühle natürlich nicht fehlen. Zum Thema große Emotionen (Verlust, Liebe) möchte ich eins sagen: Bitte nicht zu früh. Erst muss der Leser eine Bindung zur Figur aufgebaut haben und sich mit ihr identifizieren und das bedeutet mE die Lesezeit von einigen Kapiteln. Aus meiner Sicht wird viel zu viel und aus nichtigen Gründen der Magen zusammengezogen und rumgeheult. Leuten wird aus unerklärlichen Gründen übel, aus meiner Sicht häufig nicht realistisch und meist wollte der Autor damit etwas ausdrücken, das dadurch nicht transportiert werden konnte. Ist es stimmig, dann sind die großen Emotionen doch einer der Gründe, warum wir lesen. Natürlich ist es ultraspannend, mit einer Frau mitzufiebern, die in Todesangst vor dem Axtmörder davonläuft. Gefahr ist immer spannend. Aber auch immer wieder spannend ist, ob oder vielmehr wie sie sich kriegen, obwohl sie sich im Liebesroman doch eigentlich immer kriegen…

Sehr spannend ist dabei auch die räumliche oder emotionale Trennung beider Hauptfiguren, die sich nacheinander sehnen, üblicherweise ohne dies über den anderen zu wissen.

Aber auch schon der Perspektivwechsel an sich kann die Spannung erhöhen, wenn man eigentlich gerne erfahren möchte, wie es mit Armand und Maria weitergeht und dann plötzlich Ulf und Uschi auftauchen. 😉

Desweiteren kann man den Leser bewusst in die Irre leiten und so trifft er eine falsche Annahme für den weiteren Verlauf der Geschichte.

Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich stand mit beiden Beinen auf dem Boden, noch etwas wackelig zwar, aber ich konnte mich halten. Ich fiel Armand um den Hals.

Er schmiegte seine warme Wange an mich. “Oh, Maria.”

Ich war so schwach und bekam urplötzlich einen solchen Hunger, ich rammte ihm meine Zähne in den Hals. Sein Blut brauchte ich jetzt.

Eben könnten die beiden vielleicht noch ein Liebespaar sein, dann entpuppt sie sich plötzlich als Vampirin, obwohl er derjenige mit den Eckzähnen gewesen war. Man darf den Holzweg aber nicht zu spät beenden, sonst hat es eher die Wirkung, dass man die Geschichte zweimal lesen muss, um sie richtig zu verstehen. Probiert es einmal aus mit meiner Kurzgeschichte Herr Otto Mayer: Hier wird der entscheidende Hinweis erst ganz am Ende gegeben.

Übrigens ist auch immer noch offen, wer gut und wer böse ist. So kann man sowohl für Maria als auch für Armand mitfiebern. Vielleicht ist er auch ihr Guhl und sie stehen damit auf derselben Seite.

Jedoch ergeben sich auch Widersprüche: Wenn Maria Vampirin ist, wie kommt sie dann nackt in einen Sarg, in dem sie sich fürchtet? Normalerweise sollte sie sich doch angezogen zu Bett legen, falls tagsüber jemand in den Sarg schaut. Solche Widersprüche machen die Geschichte auch spannend, als Leser möchte man solche auflösen.

Uschi suchte den Juwelier auf und ließ sich zu Trauringen beraten. Wie sie ihm den Antrag machen wollte, hatte sie sich schon genauestens ausgemalt.

Ulf dagegen ahnte davon nichts. Er saugte Staub und beschäftigte sich mit der Frage, ob er mit Uschi über die Anschaffung eines Staubsaugroboters sprechen sollte. Er war sich nicht ganz sicher, ob ein solches Gerät so akkurat arbeiten würde wie er selbst. Und natürlich war so etwas teuer und Uschi sollte nicht enttäuscht sein, weil sich plötzlich in den Ecken die Wollmäuse sammelten.

Jetzt wartet ihr gespannt darauf, dass Uschi Ulf den Antrag macht, oder? Da habt ihr einen Wissensvorsprung vor Ulf.

Leider unterlief Uschi ein folgenschwerer Fehler: Sie verwechselte ihre Ringgröße mit seiner mit dem Ergebnis, dass Ulf den Damenring bekommen würde! Was sollten nur ihre Freunde denken?

Jetzt ist es doppelt spannend, weil sie einen Fehler gemacht hat. Ich hätte das noch verschärfen können, wenn Uschi selbst ihren Fehler nicht bemerkt hätte.

Es kann sein, dass euch das jetzt viel zu viel Input war, ihr erstmal nur Bahnhof verstanden habt – das macht nichts. Ihr könnt auch spannende Geschichten schreiben, ohne diese ganzen Techniken zu kennen. In der Praxis werdet ihr sie alle miteinander mischen, ohne darüber nachzudenken.

Das Ende mit Armands Frage im Beispiel ganz am Anfang stellt übrigens einen Cliffhanger dar. Ihr habt eine im Sarg liegende Person vor Augen – nackt! Natürlich wolltet ihr wissen, wie die Geschichte weitergeht. Da es auch wichtig ist, die Spannung wieder aufzulösen, hier das Ende.

Maria und Armand waren seit Jahrhunderten ein Paar. Mit Beginn des Internetzeitalters entwickelte er die Marotte, sich mit gezielt mit Frauen zu verabreden, anstatt sich an Gelegenheitsopfern zu bedienen. So hatte er doppeltes Vergnügen. Maria war daraufhin wild entschlossen, hundert Jahre zu schlafen, bis das Internet nicht mehr existieren oder wenigstens nicht mehr von Interesse für Armand sein würde. Armand weckte sie, als er es nicht mehr ohne sie aushielt. Natürlich versöhnten sie sich und gingen wieder gemeinsam auf die Jagd, indem sie sich auf Datingportalen als Paar Paare suchten.

Natürlich haben Ulf und Uschi geheiratet, er im Anzug, sie im Kleid. Uschis Freunde waren ganz hin und weg von Ulf und es juckte sie nicht im geringsten, dass der sich über den Klunker an seinem Ring freute wie Bolle.

Euer Ingo

 

Im nächsten Teil dieser Reihe geht darum, wie man so ein Mammutprojekt wie das Schreiben eines Romans überhaupt durchhalten kann.

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Roman-Werkstatt (3): Dialoge

“Ich will ein Eis!”

Das erkennen wir bereits als gesprochenes Wort, auch wenn wir nicht wissen, von wem oder warum.

Filip schrie: “Ich will ein Eis!”

“Ich will ein Eis”, plärrte Katrin.

Martin begann ebenfalls, “Ich will ein Eis!” zu rufen.

Antonia rief die Kinder zur Ordnung. “Es gibt jetzt kein Eis!” Leider war damit noch lange nicht Ruhe.

Für jeden Sprecherwechsel gibt es eine neue Zeile. Besonders gelungen ist dieser Dialog noch nicht, auch wenn er wenigstens optisch abwechslungsreich gestaltet ist. Inhaltlich ist er völlig langweilig. Was hier zudem noch völlig fehlt, sind Gestik und Mimik.

Filip schrie: “Ich will ein Eis!” Sein Kopf war knallrot angelaufen, die Augen zugekniffen und seine kleinen Hände zu Fäustchen geballt. Wütend stampfte er mit dem Fuß auf.

“Ich will ein Eis!”, plärrte Katrin. An ihren Wangen rannen heiße Tränen herab und tropften auf ihr gelbes Kleidchen.

Martin begann ebenfalls, “Ich will ein Eis!” zu rufen. Er blieb vergleichsweise leise und blickte ängstlich nach den anderen.

Antonia setzte ihr strenges Gesicht auf und rief die Kinder entschieden zur Ordnung. “Es gibt jetzt kein Eis!” Leider war damit noch lange nicht Ruhe.

Jetzt hat der Leser schon viel mehr und konkretere Bilder vor Augen.

Was man vermeiden sollte, sind Monologe. Wenn Antonia jetzt eine Gardinenpredigt darüber halten würde, wie schlecht Zucker für die Zähne ist beispielsweise. Ist es inhaltlich wichtig, sollte man den Text auflockern und aus dem Monolog einen Dialog machen. Ich demonstriere dies an einem anderen Beispiel:

“Cornelia, es ist nicht auszuhalten.” Antonia seufzte. “Hier habe ich den ganzen Tag mit den kleinen Quälgeistern zu tun und wenn der Herr Gemahl nach Hause kommt, will er von vorne bis hinten bedient werden und führt sich seinerseits auf wie ein quengelndes Kind.”

Ihre Kollegin nickte. “Wem sagste das.”

“Als wenn ich nicht auch arbeiten würde. Ich bin auch erschöpft und müde, wenn ich nach Hause komme. Ich geh trotzdem noch einkaufen und alles. Ich mein, wem sag ich das. ” Sie wollte Cornelia nicht mit ihrem Seelenschutt beladen, allerdings war sie die einzige, der sie sich anvertrauen mochte. “Jörg hat … ” Sie schluckte, sah dann ihre Freundin an. “Er hat eine andere.”

“Nein!” Cornelia riss die Hand vor den Mund.

Antonia besah ihre Schuhspitze mit der Macke, die sie gleich am ersten Tag bekommen hatte. “Ich habe einen Eyeliner gefunden, der mir nicht gehört. Und in letzter Zeit war er oft länger im Büro. Er hatte dann schon gegessen, was mir auch eigentlich ganz recht war, weil ich dann nichts kochen musste. Aber jetzt … bin ich auch eine von diesen dummen Puten, die nicht merken, wenn ihr Kerl sie bescheißt.”

Aber ganz ehrlich? Das würde mir noch nicht reichen. Die Stellen, an denen Cornelia zum Zuge kommt, sind sehr dünn und ich als geübter Leser weiß sofort, dass da jemand einen Monolog kaschieren wollte! Ich weiß, es gibt auch Romane, in denen das gesprochene Wort einer Figur über eine Seite lang ist und jede Menge Infodump enthält. Ich denke an Der Name der Rose von Umberto Eco. Wenn man sich nicht brennend für das interessiert, was die Figur zu erzählen hat (hier: Häresie), dann ist das einfach nur langweilig. Dazu kommt, dass man vergisst, wer überhaupt spricht und in welcher Szene die Akteure sich befanden. Aus meiner Sicht sollte spätestens an der Stelle, an der man einen Absatz machen würde, die direkte Rede unterbrochen und später fortgeführt werden.

Hier ein Beispiel  eines Dialogs aus einer Schreibübung:

Als ich die Kneipe betrat, schlug mir der typische feuchte Mief aus abgestandenem Bier und altem Rauch entgegen.

»Moin!«

Als einziger Gast war ich dem Kerl hinterm Tresen nicht entgangen.

»Hast Glück, dass ich schon auf hab.«

Charmanter konnte er mir wohl nicht sagen, dass ich ein versoffener Versager war. Ich erklomm meinen Stammplatz an der Theke und sah Kuddel auffordernd an.

Wortlos stellte er mir mein Gaffel vor die Nase und fuhr fort, die Gläser zu polieren.

Sofort nahm ich einen tiefen Zug. »War nix.« Ich starrte auf Kuddels dicken Bauch, über den sich ein T-Shirt mit dem Schriftzug I have the pussy I make the rules spannte. »Schickes Shirt.«

»Danke.«

Ich leerte mein Glas und beäugte weiter die Plauze, die beim Polieren etwas ins Schwabbeln geriet.

»Holger?«

Ich spürte seinen Blick. Noch war ich nicht soweit. Obwohl die Gelegenheit günstig wäre, da der Laden noch nicht brummte. »Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen, Kuddel.«

Das sind zwei recht wortkarge Typen geworden. Ein Bayer hätte nicht “Moin!” gesagt, es muss sich also um ein Nordlicht handeln. Wie eine Figur spricht, hängt mit ihrem Charakter zusammen. Manche haben Akzent, stottern oder sagen ständig “Ey!” und “Alter”. Andere gebrauchen vermehrt Fremdworte und meiden Kraftausdrücke. Man sollte es mit alledem nicht übertreiben, sonst macht sich die Figur beim Leser unbeliebt, weil es einfach nur noch nervt.

Ein extremes Beispiel eines Dialogs, bei dem andere Regeln gelten, ist ein Chatlog wie voll scheißkalt ey! Auf der Suche nach dem “perfekten” Dialog als Anschauungsmaterial werde ich nicht wirklich fündig. Es kann sehr viel Wortwechsel und recht wenig Szene sein wie in Nur eine Minute, aber auch recht viel Innenschau und relativ selten mal ein Wort wie in Kniffelig: Beides funktioniert.

Wichtig zu wissen: Richtige Interpunktion bei Dialogen, noch etwas ausführlicher hier.

Euer Ingo

 

Im nächsten Teil dieser Reihe erkläre ich euch verschiedene Techniken, um Spannung zu erzeugen.

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Roman-Werkstatt (2): Figuren

Kennt ihr auch diese Steckbriefe zum Ausfüllen? Beispiel: Charaktere Steckbrief

Wenn ich sowas lese, verliere ich schon die Lust. Aber man kann noch einen draufsetzen:  Charaktere erschaffen

Ich glaube, das ist für mich einfach nicht der richtige Zugang. Fällt euch da tatsächlich zu einer fremden Figur schon alles richtig ein? Dann nur zu! Für mich ist übrigens genau das, das Ausfüllen der Charakterblätter beim Paper und Pen, der Hauptgrund, warum ich kein Rollenspiel spiele.

Was ich schon eher hinbekomme ist eine indirekte Beschreibung:

Er hat das Hack vom Vortag auf Mettbrötchen verkauft und dadurch seinen Job als Koch in der Kneipe “Zum Gequetschten” verloren. Er kocht durchaus gerne, aber durchweg schlecht. Auf seiner Lieblingsschürze steht We <3 the cook. Die hat er von seinem Karnevalsverein geschenkt bekommen. Wo er wirklich brilliert, ist als Büttenredner, wenn er Anekdoten aus seinem verkorksten Leben erzählt, z.B. wie er als Lehrling ins Spülbecken gekotzt hat, weil er zu tief ins Glas geschaut hat. Sein Leibgericht sind Spaghetti mit Tomatensoße, welches er auch regelmäßig seinen Freunden vorsetzt.

Ein solcher Text landet so natürlich noch nicht im Roman; es handelt sich um eine Trockenübung, um die Figur zu entwickeln. Überlegt euch einfach, was diese Person ausmacht: Lieblingskleidungsstück, Hobby, Macke, persönliche Stärke, die Art, wie jemand etwas tut oder zum Ausdruck bringt, was er gern isst, usw.

Ich lasse meine Figuren gerne in der Ich-Form von sich berichten, was sie vor der im Roman erzählten Zeit erlebt haben. Das gibt mir ein Gefühl dafür, wie jemand sich wohl fühlen muss, der das alles erlebt hat.

Versucht es einmal selbst, einen kurzen Steckbrief auszufüllen und eure Figur indirekt zu beschreiben.

Es kann sein, dass ihr dennoch nicht so recht warm werdet mit euren Figuren. Manchen hilft dann, ein Interview mit der Figur zu führen. Mich hat es sehr begeistert, die gesamte Geschichte aus Sicht meiner wichtigsten Figuren (auf je zwei Seiten) zu erzählen. Damit kam ich sowohl Handlung als auch Figuren näher.

Wenn ich dann meine Figur gut genug kenne, macht es für mich auch Sinn, diese Steckbriefe auszufüllen, einfach um später schnell Details nochmal nachschlagen zu können – die ändern sich nämlich durchaus im Laufe der Arbeit am Roman mal und das wäre ja blöd, wenn jemand zu Beginn blaue Augen hat und gegen Ende grüne oder sich die Frisur plötzlich ändert.

Noch ein Tipp, falls euch das Finden der Namen für eure Figuren Schwierigkeiten bereitet: Mikronationaler Namensgenerator

Euer Ingo

 

Im nächsten Teil dieser Reihe geht es um Dialoge.

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Roman-Werkstatt (1): Anfangen

Die erste Hürde beim Schreiben eines Romans kann sein, dass man nicht weiß, wie man anfangen soll. Einfach drauflos schreiben? Vorher Plotten? Eine Prämisse finden? Es gibt viele verschiedene Methoden und es bleibt euch nichts anderes übrig, als erstmal auszuprobieren, welche für euch hilfreich ist.

Worum gehts denn in dem Buch?

Häufig wird dazu geraten, erstmal den Buchinhalt in einem Satz zu formulieren. Dies ist der erste Schritt der Schneeflockenmethode. Hierbei handelt es sich um eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Planen eines Romans.

Beim elevator pitch begegnet ihr einer wichtigen Person, vllt. einem Verleger, in einem Aufzug und habt eben für die Dauer der Fahrt die Gelegenheit, diesen von eurer Buchidee und von ihrem Wert zu überzeugen. Man sagt auch “pitchen” dazu. Ich habe im Chat mehrmals anderen Schriftstellern von meinem noch zu schreibenden Roman erzählt. Das hat mir auch dabei geholfen, selbst meinen Schwerpunkt zu finden.

Der Küchenzuruf von Henri Nannen verlangt einer im Wohnzimmer sitzenden Person ab, den Inhalt eines eben gelesenen Zeitungsartikels zu einer in der Küche befindlichen Person zu rufen. Dabei muss man sich zwangsläufig auf die kürzeste Fassung beschränken, die eben nur das Wichtigste beinhaltet. Dasselbe kann man auch wieder auf ein Buch übertragen.

Nachdem ich drauflos geschrieben hatte und mich bereits vier Monate mit meinem Roman beschäftigt hatte, konnte ich auch pitchen und einen ersten Klappentext verfassen. Ich gehe davon aus, dass der letztendliche Klappentext auf dem eines Tages hoffentlich gedruckten Buch ganz anders aussehen wird. Aber meine Buchidee hat greifbare Formen angenommen. Verzweifelt also nicht, wenn es euch noch nicht gelingt, als allererste Übung den Roman in einen Satz zu fassen.

Bauplan erstellen

In der Schule haben wir noch gelernt, eine Geschichte braucht Einleitung, Hauptteil und Schluss- so ganz verkehrt ist das nicht. Auch hier gibt es wieder viele verschiedene Methoden.

Viele schwören auf die Heldenreise von Joseph Campbell, andere bleiben der Schneeflockenmethode treu und mich persönlich hat Blake Snyders Beat Sheet überzeugt.

Wichtig ist, dass Du Dich mit Protagonisten, Antagonisten und Nebenfiguren beschäftigst. Der Protagonist ist die Hauptfigur, die sich im Verlauf der Geschichte verändert und der Antagonist ist die Figur, die sie dazu bringt. Das kann ein Bösewicht sein, muss es aber nicht. Wenn ein bisher mit Frau und Kind lebender Mann seinem Traumprinzen begegnet, dann wird das auch eine Veränderung in ihm auslösen.

Die Handlung erstreckt sich von der Ausgangssituation über Wende- bzw. Höhepunkt bis zum Ende. Der am ehesten auszumachende ist der Mittelpunkt, aber auch der Auslöser ist ein Wendepunkt. Sieg oder Niederlage der Helden sind ebenfalls Höhe-(oder Tief-)punkt.

Nicht an den Plan halten, sondern drauflos schreiben!

Wenn ihr erstmal euren Bauplan aufgestellt habt, könnt ihr euch in beliebiger Reihenfolge daran entlanghangeln. Gelingt es von vorne bis hinten? Macht es eher Sinn, zuerst die wichtigsten Eckpunkte niederzuschreiben? Lachen euch einzelne Szenen kreuz und quer über den gesamten Roman verteilt an?

Ich bin gut damit gefahren, zuerst die Szenen zu schreiben, die mir gerade sehr deutlich vor Augen waren. Als ich versucht hatte, ein Kapitel nach dem anderen zu schreiben, hat mich das zu sehr unter Druck gesetzt und blockiert. Daher empfehle ich, zuerst die Szenen zu schreiben, die Du ohnehin schon im Kopf hast.

Ich drücke euch die Daumen für einen guten Start! Fangt einfach irgendwo an, der Rest wird sich schon ergeben. 🙂

Euer Ingo

Im nächsten Teil dieser Reihe geht es um das Entwickeln von Figuren.

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Saigels Irr(e)lichter – Die korrekte Grammatik

Das Schreiben hat natürlich hauptsächlich etwas mit Kreativität zu tun. Mit Fantasie, Einfallsreichtum, Weltanschauung, individueller Erfahrung etc. Der ein oder andere würde vielleicht sogar behaupten, dass Schreiben auf wundervolle Art und Weise magisch sein kann. Schreiben ist Geschichten erzählen. Schreiben ist Botschaften vermitteln. Schreiben ist Ausdruck.

Für den, der schon eine Weile dabei ist, durch das ewige Moor der Schriftstellerei zu stapfen, ist das Spiel mit der Sprache sicherlich schon ein weiterer Bereich des Schreibens geworden. Für mich persönlich stellt es jedoch nur eine Erweiterung des Wesentlichen dar. Denn das Wesentliche am Schreiben ist zunächst nicht die Sprache.

Ich habe schon sehr viele Bücher gelesen. Um ehrlich zu sein, bin ich bereits an dem Punkt angekommen, an dem ich ein Buch erst auf der letzten Seite „wiedererkenne“ und mir dann siedend heiß einfällt, dass ich es ja eigentlich schon einmal gelesen habe. Ich schätze Bücher in korrekter Sprache. Ich schätze korrekte Grammatik. Und ja, das habe ich absichtlich getrennt, denn auch Umgangssprache oder gar vulgäre Sprache können grammatikalisch einwandfrei daher kommen. Die meisten Bücher in Druckversion, die ich gelesen habe, weisen ein oder zwei Fehlerchen auf, die sogar in namhaften Verlagen durch das Lektorat „geschlüpft“ sind. Das ist nicht schlimm. Genauso kann ich nicht von mir behaupten, dass mir mit Sicherheit alle Fehler auffallen würden.

Jedoch kann ich mit Sicherheit behaupten, dass eine gute Idee und eine noch bessere Geschichte in meinen Augen nicht davon abhängen, dass sie grammatikalisch korrekt erzählt wurden. Ich habe auch schon Geschichten gelesen, die mich zu Tränen gerührt, mich tagelang danach noch beschäftigten und tatsächlich in „gebrochenem Deutsch“ verfasst worden waren. Denn der Autor war kein Muttersprachler und mit der deutschen Sprache zudem noch nicht sehr vertraut.

Hat eine Geschichte also keine Substanz und vermittelt sie mir nichts, das mich auf einer oder mehreren Ebenen zugleich anspricht, dann erlebe ich auch die schönste, grammatikalisch korrekte Sprache als leere Hülle, deren Vollkommenheit ich vielleicht bemerken, aber nicht emotional verarbeiten, sie in keinen Kontext rücken kann.

Gleichsam ist vielleicht auch die Schönheit der Sprache nicht in jedem Fall mit der grammatikalischen Korrektheit gleichzusetzen. Denn auch sprachlich vielseitige Texte, mit vielen Wendungen, Bildern und einem „Rhythmus“, der den Lesefluss hervorzaubert und plötzlich eine textbegleitende Melodie erklingen lässt, müssen nicht zwangsläufig grammatikalisch richtig sein.

Es gibt also viele Nuancen, die ein Text aufweisen und viele „Richtlinien“, die ein Text erfüllen kann. Jedoch denke ich, dass der wichtigste Teil des Textes stets seine Aussage ist. Ist die Aussage sowohl durch logischen Aufbau als auch sprachliche Ausschmückungen an den Leser herangetragen, wird das Bild runder. Ist die Grammatik zudem korrekt, ohne dass der Leser ständig darüber stolpert und aus dem Lesefluss gerät, ist der Text noch besser. Seinen Wert hat er jedoch für mich entweder von Beginn an oder gar nicht.

Mein Schlusswort soll nun an alle „Schreibanfänger“ gerichtet sein, die sich wohl oftmals demoralisiert fühlen, wenn sie Texte anderer lesen und sich fragen, ob sie das selbst jemals „so“ hinbekommen. Die Frustration darüber, einen guten Text „nicht“ schreiben zu können, schmälert meiner Meinung nach immer den eigentlichen Wert an dem, was uns alle zum Schreiben bewegt: die Idee.

Eure Saigel

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