Die letzte Reise

Ich schlug die Augen auf. Wo war ich? Ein Blick an mir herab ließ mich stutzen. Wo waren die lahmen Beine, die Schmerzen, die mein schwacher Körper mir stets bereitet hatte? Ich bemerkte nichts dergleichen. Endlich, ich war frei. Unter meinen nackten Zehen spürte ich den Boden aus Stein, er war angenehm warm. Ich war schon einmal hier, fast zumindest, glaube ich. Doch hatte ich mich nie getraut zu sehen. Zu fühlen. Zu erkennen.

Ich drehte mich einmal um mich selbst und sah mich um.

Ich befand mich auf einem Balkon aus sandfarbenen Gestein.

Die Balustrade erschien mir aufwendig bearbeitet, mit kleinen Mustern aus ineinander verschlungenen Linien, die sich wie Flammen an den kleinen Säulen entlangzüngelten. Der Himmel hatte ein strahlendes dunkelblau angenommen und hohe Wolken türmten sich, bestrahlt vom letzten Licht einer untergehenden Sonne, zu wunderschönen roten Riesen bis in die Unendlichkeit des Horizonts empor. Das Flüstern einer leisen Briese drang in mein Ohr, erzählte mir vom Klang der Blätter, welche im Spiel des Windes wehten.

Ich bemerkte, dass der Balkon, auf welchem ich mich befand, zu einem riesigen, in den Stein geschlagenen Gebäude gehörte. Unter mir erstreckten sich ineinander verschlungene Säulengänge und Treppen, kleine Eingänge und Kavernen. Es musste Ewigkeiten gedauert haben das alles zu errichten.

Dazwischen ragten riesige Bäume mit schneeweißer Rinde und blutrotem Blätterdach in die Höhe. Ihre alten Wurzeln durchzogen den gesamten Stein und hauchten ihm Leben ein. Soweit mein Auge reichte, war der riesige Fels, der ein einziges unendlich großes Gebäude darstellte, umringt von einem endlosen Ozean. Die Farbe des Wassers hatte das dunkle Blau des Himmels angenommen, das Abendrot spiegelte sich darin und hinterließ diesem Ort ein Farbenspektakel. Sanft schlugen die Wellen der Brandung gegen den Fels. Wenn ich genau hinhörte, verband sich ihr Rauschen mit dem der Blätter und eine endlose Ruhe überkam mich. Ich schloss für einen Moment die Augen, um zu genießen. So fühlte sich Freiheit an.

Plötzlich hielt ich inne. Da war eine Stimme. War ich nicht alleine, an diesem wundersamen Ort? Sie schien nach mir zu rufen, mit einer spielerischen Melodie. Ich kannte diese Stimme. Doch woher? Ich beschloss, ihr zu folgen und stieg eine Treppe hinab, die vom Balkon ausging. Je weiter ich kam, desto genauer konnte ich die Stimme hören. Ihr Lied war wunderschön und doch gleichzeitig so tieftraurig. Ich wollte lachen und weinen, zur selben Zeit, ich war so unendlich glücklich und doch zerriss es mir das Herz. Ich passierte die knorrigen Bäume und bestaunte ihre Blätterkronen, spazierte durch einen Säulengang, der zur linken Seite steil abfiel. Darunter spielten nur noch die Gezeiten mit dem nackten Fels. Gischt stieg zu mir empor, das Wasser prickelte angenehm warm auf der Haut. Je weiter ich voranschritt, desto stärker drang diese verlockende Melodie zu mir. Sie durchfuhr meinen Körper und ich spürte ein Kribbeln, an dem Platz wo mein Herz saß. Am Ende des Ganges führte mich eine Wendeltreppe hinab, ich stützte mich auf dem goldenen Geländer ab und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal.

Ich fand mich auf einem lichtdurchfluteten Platz wieder. Er war kreisrund und aus demselben hellen Gestein gefertigt wie der Balkon. Darum herum befand sich nur noch die unendliche See. In einem kleineren Kreis darin befanden sich sieben Säulen, die alle in einem goldenen, spitz zulaufendem Dach mündeten.

Darin war eine Konstruktion, die ich nicht sofort erkannte.

Als ich näher darauf zu lief, wurde mir bewusst was es war. In dem Gebäude stand eine riesige Sanduhr. Sie war fest im Boden verankert, mit einem massiven Bronzering, von dem Krallen ausgingen, die das Glas in der Luft hielten. Als ich es erreicht hatte, stellte ich fest, dass der Sand darin schon durchgelaufen war und sich nur noch im unteren Teil des Stundenglases befand. Die Melodie war jetzt ganz nah, ich spürte es.

„Wer ist da?“, rief ich. Ich musste es einfach wissen.
Die Melodie verstummte.
„Du kennst das Lied“, raunte eine Stimme, die von überall hätte kommen können. Sie strahlte die herzlichste Wärme und die eisigste Kälte zugleich aus. „Es ist das Lied des Lebens, mit seinen Höhen und Tiefen. Das Leben kennt nicht nur eine Seite, es bringt dir immer die beiden.“
Plötzlich trat eine Gestalt hinter dem Stundenglas hervor. Es war eine wundersame Frau. Die eine Hälfte ihres Gesichts war wunderschön, mit einem strahlenden blauen Auge, das die Farbe des Meeres besaß und geschwungenen vollen Lippen, die ein Lächeln formten. Ihr langes braunes Haar schien wie ein Wasserfall über ihre Schultern zu fließen. Die andere Hälfte des Gesichts war von Warzen entstellt, ihr Auge war wässerig und leer. Ein dunkler Ring zeichnete sich darum ab. Die Lippen waren verschrumpelt und das Haar zerzaust und spröde. „Ich bin das Leben“, sagte die Frau. „Ich trage die schönste Blüte mit mir und die welksten Dornen.“
Ich war überrascht von dieser Gestalt, doch ich verstand, was sie mir sagen wollte.
Die Frau zeigte auf ein kleines Boot, das direkt vor dem Platz ankerte. „So wie ich einst zu dir kam, so werde ich dich nun verlassen“, erklärte sie. „Du bist am Ende deiner beschwerlichen Reise angekommen und darfst nun in diesen Gefilden den Rest der Zeit überdauern. Es ist das letzte Geschenk, das ich dir machen kann.“ Mit diesen Worten stieg sie in das Boot und löste das Tau. Ganz von selbst steuerte es auf den weiten Ozean hinaus und war bald nur noch ein winziger Fleck, der im Abendrot verschwand.
Ich wusste, was es bedeutete, doch ich trug keine Angst in mir. Meine Zeit war abgelaufen und ich durfte nun, an diesem wunderschönen Ort, meine letzte Ruhe genießen. Das Licht war angenehm warm, so wie der Wind, der durch mein Haar ging. Und ich war glücklich. Wunschlos glücklich.

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